Schön im Flow

So lange nix geschrieben… Ich bin einige Antworten auf persönliche Nachrichten schuldig, um die ich mich nun peu à peu kümmere. Ich habe wirklich schöne Wochen verlebt. Der Portugal-Wanderritt war wieder überwältigend, aber mir fehlte der Kopf, darüber zu berichten. Auch das möchte ich noch nachholen. Letzten Freitag kam ich mit aus New York zurück, auch diesen Trip nehme ich in meinen imaginären Redaktionsplan mit auf.

Um hier wenigstens wieder ein bisschen Leben in das/auf den Blog zu bringen, eine Kopie meines aktuellen FB Postings 😀 in leicht abgewandelter Form:
Heute ist mein erster Arbeitstag nach dem Urlaub und ich habe gleich die Arbeit unterbrechen dürfen (wieder einmal Dank an Kollegen und Chefs für die sagenhafte Flexibilität), um die Curcumin Sprechstunde des Tumorzentrums München zu besuchen. Ich beschrieb Thorstens Befund und seine Behandlung, dann blickte die Ärztin auf das Geburtsdatum und bemerkte überrascht: „Ihr Mann ist ja noch so jung für einen solch fortgeschrittenen Krebs!“ Puh, sowas sitzt (wobei das bislang jeder der behandelnden Ärzte sagte)!

Ich genieße jeden Tag mit ihm, jedes Gefrotzel, jeden Scherz, jedes Lachen und auch mal das gegenseitige Generve. Ich weiß nicht, was in 20 Jahren ist, was in zehn oder fünf Jahren ist. Wir planen auf jeden Fall etwas Schönes in 2018. Denn wir schieben nichts mehr auf…

Jetzt darf der Status quo aber gerne bitte, bitte, bitte immer so weitergehen.
Heute steht wieder eine Blutabnahme bei Thorsten und damit wieder ein frischer PSA-Wert an. Das Tumor-Thema lässt einen auch nach erfolgreicher Behandlung nicht mehr los…

Alles ruhig

Eine erneute Blutuntersuchung vergangene Woche: Thorstens PSA-Wert liegt weiter unter der Nachweisgrenze. Ich liebe jeden Tag, der so vorüberzieht. Unbelastet vom Schläfer. Der Frühling ist da. Alles lebt (außer meine geliebten Olivenbäume, die habe ich im Winter vernachlässigt 😦 ).
Ende dieser Woche zieht es mich wieder in meinen „Frauenurlaub“ nach Portugal.
Sechs Tage im Sattel. Wanderritt an die Atlatntikküste.
Und ich kann mit gutem Gewissen fliegen.
Das ist einfach nur fantastisch.

Wenn das Leben mich gefühllos macht: Vom Tod von Mensch und Tier

Seit November habe ich nichts mehr geschrieben. Das könnt ihr als ein gutes Zeichen deuten. Keine Hiobsbotschaften bei uns! Alles plätschert vor sich hin. So liebe ich das! Die Ärzte sind immer wieder voller erstaunter Freude, wenn sie Thorsten sehen. Sein PSA-Wert bleibt auch ohne Hormontherapie unten. Der nächste ist im März fällig. Seine Psyche wird stabiler und die Kraft kommt langsam wieder. Im Herbst steht die nächste OP an, um die Inkontinenz in den Griff zu bekommen. Da wird ihm auch der Port entfernt. Die Hoffnung bleibt, dass er in nächster Zeit keine Chemo brauchen wird…

Auch ich fühle mich besser, genieße das Durchatmen. Die vergangenen zwei Jahre haben mich verändert.

Ich bin in mancherlei Hinsicht gelassener geworden. Ich bin großzügiger geworden, aber auch härter. Vielleicht hat das manch ein Tierliebhaber auch schon erlebt: Es tut mir für meine Freundinnen unendlich leid, aber ich kann gerade null mitfühlen, wenn eines ihrer Tiere krank ist oder gar stirbt. Wisst ihr, ich denke mir dann immer: Ich sehe lieber ein Tier gehen als einen Menschen. Ich kann momentan nicht mitleiden. Und ich kann mich damit auch nicht leiden. Aber ich bin da in mir drinnen einfach leer.

Das fühlt sich komisch an, denn früher, vor all dem Scheiß, habe ich immer gesagt, wenn mein Pferd sterben sollte, dann ist das für mich schlimmer als wenn manch eine Person stirbt.

So ist das einfach nicht mehr. Da ist tief in mir die Furcht, dass irgendwann wieder ein geliebter Mensch gehen muss, der noch nicht gehen darf. Und diese Furcht dämpft mein ganzes Mitgefühl, wenn es um ein Tier geht.

Seid bitte geduldig mit mir und bleibt mir gewogen. Auch wenn ich mich in eurer Trauer um ein Tier verhalte wie eine Idiotin. Irgendwann kann ich sicher wieder die Anteilnahme aufbringen, die ihr verdient habt.

Im Moment liegt im Tierleid-Empathiezentrum ein großer Stein.

Eine Trauerrede, Weihnachten und Amerika

Eigentlich mag ich die Advents- und Weihnachtszeit sehr. Kerzen, Tee, Kuscheldecke und die Einbildung einer friedlichen Zeit. Aber so richtig komme ich gerade nicht zur Ruhe. Mitte Dezember ermittelt der Urologe wieder Thorstens PSA-Wert. Mein Magen klumpt. Die Unsicherheit macht sich wieder breit, mein Poltergeist, der mich nicht schlafen lässt bis die Nachricht kommt: „PSA-Wert unterhalb der Nachweisgrenze“.

Ich sehne mich nach einem unbeschwerten Weihnachten und einem hoffnungsvollen Jahreswechsel.

Kürzlich fand ich auf meinem Rechner die Worte wieder, die ich meinem Schwiegervater auf seiner Trauerfeier im Juni vor einem Jahr mitgegeben habe. Ich war damals seelisch ziemlich angeschlagen und die Zeilen zu sprechen, glichen einem Kraftakt. Doch ich wollte vor allen Freunden und Verwandten Danke sagen und ausdrücken, was er mir bedeutete und einen Rahmen schaffen, der seiner würdig war! Meinem Schwiegervater hatte ich schon Wochen bevor er den Kampf verloren hatte einen Brief geschrieben. Er sollte wissen, was er mir bedeutete. Er hat ihn wohl immer wieder gelesen, was mich noch heute sehr rührt.

„Ich erzähle ja immer gerne vom ersten Treffen mit meinen Schwiegervater. Von unserem ersten Kennenlernen. Wir fühlten uns gleich miteinander wohl. Ich mich mit ihm ganz sicher. Ich glaube, er sich auch mit mir:

Damals – vor 22 Jahren – stand ich mit Thorsten vor seinem Elternhaus. Er wollte mich vorstellen, was ich vorher nicht wusste. Als ich durch den Eingang schüchtern in die weiß-silberne Pracht trat, machte ich mir spontan große Sorgen wegen der Löcher in meinen Jeans. Ich wollte ja einen guten Eindruck machen.

Da erhob sich ein Mann gemächlich vom Sofa, um uns zu begrüßen: barfuß, in Boxershorts, lässigem T-Shirt (es war Winter) – und einem kleinen, warmen Lächeln. Ich war sofort willkommen.

Karin kam in dem Moment strahlend aus der Küche – und war dann noch mein Sahnehäubchen. Es passte alles. Hier bin ich richtig…

An diesem Gefühl sollte sich nie wieder etwas ändern. Ich bin sehr froh, Teil dieser wunderbaren, unkomplizierten Familie geworden zu sein.

Klaus war mir immer ein SchwiegerVATER. Erst er zeigte mir, was ein Vater überhaupt ist. Das hinterlässt mich sehr dankbar.

Klaus verkörperte all das, was ich an Menschen schätze:

Er war ein kluger Kopf, gradlinig bis zur Sturheit, und er stand immer zu seiner Meinung.

Er war durch und durch geerdet.

Er war kein Blender. Kein Protzer. Kein Prahler. Kein Kuscher.

Und so bescheiden er war, ermöglichte er seiner Familie alles. Er kümmerte sich – manchmal fast unbemerkt im Hintergrund. Er gab großzügig – für uns.

Klaus unterstützte Thorsten und mich bei all unseren gemeinsamen Entscheidungen: sorgend und mahnend, aber immer fördernd. Das tat gut. Das gab uns Sicherheit und Zuversicht. Das gab uns Wurzeln, um miteinander in den Himmel zu wachsen.

Er hatte all das, was einen wertvollen Menschen ausmacht.

Wenn wir zusammenkamen, dann war Klaus zufrieden. Wir lachten und feierten und rieben uns auch mal aneinander – und waren uns doch immer innig zugetan.

Ich danke dir, lieber Klaus und dir, liebe Karin, für die fröhlichen, unbeschwerten Momente, die wir zu neunt hier und in den USA, in Frankreich, am Bodensee und im Allgäu miteinander verbracht haben. Für die wundervollen Familienfeste und Urlaube. Ihr habt uns und die Kinder immer zusammengehalten. Das war gemeinsame, wertvolle Zeit, von der wir unser Leben lang zehren. Momente, die uns ein Lächeln ins Gesicht zeichnen, die uns Licht und Liebe hinterlassen – für immer!

Mein lieber Schwiegerpapa Klaus, du fährst jetzt dem Horizont entgegen. Vielleicht mit deiner Countrymusik im Ohr. Weg von uns, aber hinterm Horizont geht‘s weiter. Wer weiß wohin. Mich tröstet die Vorstellung, dass wir uns alle irgendwann woanders wiedersehen… und dann einen Gin Tonic miteinander trinken!“

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Braut mit Vater und Schwiegervater

An Weihnachten, dem Fest der Liebe, fehlen die beiden Lieben. Da sind Löcher im Raum – am Tisch, in der Küche, vorm Kamin. Im Alltag haben wir schon ein wenig Spitze drumherum geklöppelt, denn das Leben geht weiter. Und ja, wir denken mit einem Lächeln daran, wie schön eben diese gemeinsamen Unternehmungen miteinander erlebt zu haben, von denen ich in der Trauerrede sprach.

Nächstes Jahr steht wieder eine Reise an. In reduzierter Besetzung. Thorsten und ich fliegen mit unserem Sohn und meiner Schwiegermama nach Amerika und besuchen hier einige Orte ihres und Thorstens Lebens. Sie wohnten mehrere Jahre in den Staaten. Klaus hatte bei der IBM gearbeitet. Tina und Thorsten verbrachten hier Teile ihrer Kindheit und Jugend, haben ihren Schulabschluss gemacht. Eigentlich wollten wir dieses Jahr zu Thorstens 50. Geburtstag in die USA reisen. Aber da hatte die Behandlung Vorrang…

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Florida 2010 – alle zusammen

Wir werden in New York City mit unserem Trip starten. Hier standen Thorsten und ich vor 18 Jahren, während einer dieser Familienreisen, auf dem Empire State Building und versprachen uns, für immer zusammen zu bleiben. Im Restaurant des World Trade Centers feierten wir anschließend Klaus‘ 60. Geburtstag und gaben dort unsere Verlobung bekannt. Erinnerungen…

Von New York City aus werden wir Kurs auf Chappaqua nehmen, wo Karin und Klaus damals ein wunderschönes Haus direkt am Hudson gemietet hatten. Dann wird es weiter in Richtung Niagarafälle gehen und ein Abstecher nach Kanada muss natürlich auch sein. Die Reise fühlt sich an wie ein kleiner Abschied. Ich kann nicht sagen warum. Vielleicht weil wir beim letzten Mal in den Staaten niemals damit gerechnet hätten, dass wir niemals mehr einen solchen Urlaub in dieser Besetzung verleben würden. Das Schicksal lässt uns jetzt bewusster erleben.

Wir müssen JETZT fliegen. Nicht in ein, zwei Jahren, nicht einmal ein, zwei Monate später. Der Krebs hat mich ungeduldig werden lassen.

Und meine Schwiegermama ist Mitte 70, schleppt ein schweres Trauma mit sich herum, leidet seit kurzem unter Fibromyalgie und der Trip wird sicherlich nicht immer eine lustige Fahrt durch’s Disneyland.

LEBE solange du noch kannst. Und nimm dabei deine Lieben mit.

 

Eat, ride, love: Wanderreiten in Portugal

Ich bin ganz ruhig. Nicht einmal feuchte Hände glitschen knetend ineinander. Einen Augenblick wage ich es sogar, den Ausblick zu genießen. Ich wünsche mir so sehr, einmal keine Angst mehr zu img_20161102_071401haben, dass ich es sogar schaffe, meinen Unwillen gegenüber Flügen zu verdrängen. Die Ängste, die meinen Alltag im letzten Jahr bestimmt haben, reichen mir. Ich will keine Angst mehr haben.

Die Sonne geht auf. Unter mir Wolkenberge, die mich an meine Kindheit erinnern und die naive Vorstellung, sie könnten mich weich fangen. Der Flieger schneidet durch den Himmel und trägt mich meinem Ziel entgegen: Portugal. Fünf Tage lang werde ich dort im Sattel das Land kennenlernen. Die Reitpfade sind mein persönlicher Jakobsweg, an dessen Ende eine Party steigt: Feira Nacional do Cavalo, das Pferdefest in Golegã, Portugals Pferdehauptstadt mit jeder Menge Rummel rund um eine der schönsten Pferderassen der Welt: den Lusitano!

Ich freue mich unbändig. Seit Tagen schlafe ich wenig. Denn diese Reise ist für mich Schlusspunkt und Start zugleich. Sie ist mehr als ein Kurztrip einer Mutter, die mal Abstand von allen Verpflichtungen braucht. Sie ist ein Beweis dafür, dass ich mir nach totaler Erschöpfung 2015 wieder Unternehmungen zutrauen kann. Und sie wäre unmöglich, wenn die Behandlung von Thorstens Scheißkrebs bislang nicht so erfolgreich verlaufen wäre wie sie es bislang ist.

Thorsten überlasse ich die Obhut von Hunden, Haushalt und Kind. Ich fühle mich so egoistisch!

Das schlechte Gewissen tänzelt aber recht schnell mit einem Augenzwinkern davon…

Am Flughafen von Lissabon warte ich auf meinen Transfer zur Quinta dos Pinheiros in Santarém, Ausgangsort der „Lusitano Trail Rides“, Ausbildungsstall von Pedro Neves. Mit mir wird Silke abgeholt, eine deutsche Auswanderin, die in Spanien lebt und dort einen eigenen Reitbetrieb unterhält. Wir verstehen uns sofort.

In unserem „Basislager“ angekommen, treffen wir auf den Rest unserer sehr harmonischen Gäste-Truppe, die uns herzlich in Empfang nimmt.

Eine schnelle Nachricht an die Lieben zuhause und dann schlüpfe ich in die Reitklamotten. Jetzt lerne ich meinen vierbeinigen Urlaubsbegleiter kennen. Wieder Aufregung! Ich nehme meinen Lusitano Zagalo geputzt, gesattelt und getrenst in Empfang. Kurz bedaure ich, dass wir das nicht selber machen, aber in den folgenden Tagen genieße ich den Rundum-Service. Das Stall-Team ist eingespielt und auf Zack, dabei immer liebevoll bemüht um Mensch und Tier. Alles gut!

Zagalo, das Einhorn mit den sanften, dunken Augen, erweist sich als vollendeter Gentleman. Jahrelang auf das eigene Pferd geeicht, fühlen sich die ersten Schritte für mich noch etwas seltsam an. Wegen der ungewohnten Kandare ermahne ich meine Hände zur äußersten Disziplin. Wir reiten nach einigen Runden raus aus der Halle und haben nun eine gute Stunde Zeit, uns im portugiesischen Gelände auf die Vierbeiner einzustellen – und sie sich auf uns.

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Vorab von Chefin Kristin via E-Mail abgefragt, hatte ich darum gebeten, ein Pferd reiten zu dürfen, das einfach zu händeln ist. Eine vierbeinige Herausforderung im Ausland brauche ich nicht. Zagalo ist ein Schatz und genau der Richtige. Im Schritt eher gemütlich unterwegs, möchte er im Trab und Galopp gerne an die Spitze. Er ist weder hektisch noch hitzköpfig, sondern scheint sich nur zu freuen, das was los ist. Stets regulierbar reiht er sich brav in die gewünschte Position ein. „Keep your position!“ ist nämlich die einzige Regel, die uns unsere junge, quirlige Reitführerin Hannah mit auf den Weg gibt. Immer schön hintereinander her. (Am zweiten Tag wird die Regel dahingehend erweitert, dass wir – weil kundige und verantwortungsbewusste Reiter – auch in Zweiergruppen nebeneinander reiten dürfen 😛 )

Nach dem ersten Ritt, der uns eine kleine Aussicht auf das gibt, was uns in den kommenden Tagen in dieser wunderbaren Landschaft erwartet, schwingen wir uns glücklich aus dem Sattel.

Den Abend lassen wir vorm Kamin bei einem Gläschen Wein ausklingen, sprechen über uns und Pferde, Pferde, Pferde. Ist das nicht einfach wunderbar?!

Tag 2: Lusitano-Galoppaden durch den Weinberg

Ich liege schon lange wach, als die Pferde wiehern und die Hunde bellen. Draußen liegt ein nebliger Schleier über dem Hof. Ich mache mich schnell frühstückfertig und wünsche den Vierbeinern einen guten Morgen.


Am zweiten Tag heißt unser Ziel Quinta da Boavista, ein beeindruckendes Privatdomizil majestätisch auf einem Hügel oberhalb des Tejo gelegen. Normalerweise würden wir dort nach unserer ersten Etappe auch die Nacht verbringen, wegen einer privaten Großveranstaltung (a famíglia), geht das diesmal nicht und wir werden nach unserem Ritt samt Pferden zurück zur Quinta der Familie Dolke-Neves gefahren.

Mein Lusitano-Einhorn-Pony fühlt sich nicht mehr so ungewohnt an und erklimmt recht fleißig die erste leichte Anhöhe im Korkeichenwald. Das bedeutet Wellness für mich: über abwechslungsreiche Wege durch die Landschaft reiten. Ich spüre mein Pferd unter mir, seine Konzentration, wenn der steinige Pfad steil bergab verläuft, höre sein zufriedenes Schnauben in der Ebene und ein leises Quietschen des Sattels. Die Hufe klappern über Kopfsteinpflaster, graben sich in Sandwege und platschen durch Pfützen. Manchmal duftet die Luft. Jan und Sabine zerreiben ein im Vorbeireiten gepflücktes Blatt: Eukalyptus, der in Portugal weitflächig auf insgesamt 800.000 Hektar wächst und dessen Anbau extrem umstritten ist.

Routiniert passieren wir Dörfer und eine Autobahnbrücke, reiten über weitläufige landwirtschaftlich genutzte Flächen bis wir ins Vale de Lobos, das Tal der Wölfe, kommen, ein grandioses Weinbaugebiet.  Die Pferde freuen sich über Wasser aus dem Brunnen und vor einer Kneipe ruft Hannah zu einer kleinen Erfrischungspause in der warmen Herbstsonne auf.

Nach etwa zwei Stunden und einem letzten Galopp zwischen den Weinstöcken hindurch erreichen wir das Gut, Quinta de Ribeirinha, wo wir herzlich aufgenommen werden und bei einer Weinverkostung und wirklich tollem Essen viel über den Weinanbau heute und damals erfahren, über die Sorgen der Portugiesen aufgrund der nachlassenden weltweiten Nachfrage der Weingüter nach echten Korken und die Bedeutung der Korkeichenwälder für diesen Landstrich. Frisch gestärkt sitzen wir dann wieder auf – das Versorgungs-Team  hat sich während unserer Weinseligkeit um die Pferde gesorgt, sie getränkt und mit Kraftfutter verwöhnt.

Hätten wir noch Sommer, würden wir kilometerweit nur Sonnenblumen sehen. Nun sind die Felder abgeerntet und schöpfen Kraft für die kommende Saison. Was muss die Blüte für ein herrlicher Anblick sein?

Hannah und Jan fragen: „Galopp?“ Na, klar! Auch wenn der Sattel mein kleines Einzimmer-Appartment geworden ist, gehe ich in den leichten Sitz und genieße. Das Leben ist zu kurz, um immer Schritt zu reiten. Ein wahrer Reiterspruch.

Wir parieren durch, schlagen uns durch einen Hain aus Schilf (bloß nicht den Bambus, der hier auch wächst im Vorbeireiten festhalten und loslassen, der nachfolgende Reiter wird es danken) und erreichen über ein kurzes Stück Straße und einen Anstieg unser Ziel. Pedro wartet mit zwei Hängern auf uns und unsere Pferde. Auf der Heimfahrt erzählt er vom fruchtbaren Ribatejo, dem Schwemmland entlang des Tejo, wo wir uns befinden. Hier gedeihen Wein, Erdbeeren, Paprika, Reis und vieles mehr. Pedro hat früher selber Tomaten und Mais angebaut. Längst ist er aber mit den Pferden voll ausgelastet. Wenn er jetzt auf dem Traktor sitzt, dann um rund um die Quinta dos Pinheiros neue Weiden für seine Rösser anzulegen.

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Wie Lucky Luke mit Jolly Jumper

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Reitplatz mit grandiosem Ausblick

Tag 3:  Italienisches Intermezzo

Am dritten Tag fehlen uns Jan und Sabine. Eine Gruppe aus Italien hatte sich vor den beiden schon für einen Wanderreittag angemeldet und so muss sich die „Herde“ für einen Tag neu finden. Jan und Sabine nehmen Dressur-Unterricht bei Pedro. Gute Alternative! Es überrascht mich, wie schnell wir so eine verschworene Gruppe geworden sind, obwohl wir alle bereits zu den reiferen Semestern zählen. Jan und Sabine leben in Luxemburg, stammen aber ebenfalls aus Deutschland. Er arbeitet als Physiotherapeut, ist sichtbar durchtrainiert, da er auf höchstem Level Bodybuilding betreibt – und er straft alle Vorurteile Lügen: Jan ist unser Historiker. Abends, wenn wir beim Weinchen zusammen sitzen, verstummen wir ehrfürchtig, wenn er angeregt durch irgendein Stichwort ins Erzählen kommt. Diese Reisegruppe ist der Hit!

Unsere Pferde tragen uns Schritt für Schritt das Hochufer des Tejo entlang über Sandwege und durch verwunschene Korkeichenwälder. img_20161105_074629Ich kraule meinem Zagalo dankbar den Hals.

Die Strecke führt wieder durch die Ebene. Die Provinz Ribatejo wird auch „der Garten Lissabons“ genannt. Fruchtbares Land bis zum Horizont. Rechts neben uns fließt der Tejo gemächlich dahin, links von uns schlafen abgeerntete Felder. Wir galoppieren. „Keep your position!“ verstand eine Italienerin offenbar nicht und so sprintet sie ganz lässig im Galopp an Silke vorbei. Die Pferde nehmen es locker. Auf dem Boden faulen ein paar vergessene Paprika, die wohl durch das EU-Größenraster gefallen sind.

Unsere Mittagspause könnte nicht schöner sein. Wir füttern die Pferde und essen danach direkt am Ufer des Tejo, umgeben von Schilf. Antonio, die gute Seele, bereitet alles vor.Er verwöhnt uns so freundlich und unaufdringlich und setzt sich dann zu uns. Salat, Fleisch, Pommes, Wein, Bier, Wasser und eine puddingschwangere Teigrolle als Dessert. Ich nehme zwei. Süßes macht mich schwach. Antonio schleppt hinterher wieder alles in Auto und Hänger, mit denen er extra gekommen ist. Ein Schatz, den ich beim Abschied am Flughafen feste drücken werde.

Weiter geht’s! Die Pferde sind munter. Sie haben eine irrsinnig gute Kondition und nutzen die Pausen weise zur Regeneration. Dann lassen sie die Köpfe hängen und dösen. Nur am Schilf wird kurz gemümmelt, wenn da ein Blatt bequem in Reichweite hängt.

Als wir in das verschlafene Azinhaga reiten, haben wir schon den Kreis Golegã erreicht. Wir durchqueren das kleine Ortszentrum, das zwei Kneipen flankieren – eins für die Jungen und eins für die Alten. Seit 2009 sitzt hier, genau zwischen den beiden Vergnügungs-Etablissements, ein Bronzemann mit Buch auf einer Bank. Später lese ich nach, dass er José Saramago darstellt, den Literaturnobelpreisträger von 1998, der aus Azinhaga stammt.

„Wenn du wortwörtlich auf einem hohen Ross sitzt, dann grüße Passanten stets freundlich!“ Diesen Satz aus dem Reiter-Knigge haben erfreulicherweise auch all meine Mitreiter verinnerlicht und so nicken wir eifrig nach links und rechts: „Boa tarde!“, „Olà!“. edf

Wir schreiten durch ein efeubuntes Tor in den Innenhof der Casa da Azinhaga. Ich bin restlos begeistert. Dieses charmante, alte Herrenhaus voller Antiquitäten und Stilmöbeln und dem Flair eines kleinen Gutshofes soll uns eine Nacht lang beherbergen. Drucke und Gemälde von Pferde hängen an den Wänden und auch Touristen, die nichts mit der Reiterei  zu tun haben, spüren wie präsent hier die Pferdezucht und wie ausgeprägt die Liebe zu den Lusitanos ist.
Sieben Zimmer sind hier zu vermieten und ich kann diese Unterkunft nur empfehlen. Die Besitzerin ist herzensgut und zaubert uns ein wunderbares Essen. Der obligatorische Wein darf nicht fehlen – und damit geizt keiner unserer Gastgeber. Im Esszimmer schmunzeln wir über den Bücherschrank voller alter Werke, aus denen unzählige blassgelbe „Post-its“ herausragen. Hier liest jemand, hier rezitiert jemand vielleicht sogar. Es sind aber leider, leider keine hippologischen Wälzer.

Tag 4: Der Lusitano-Tag: Ab nach Golegã

Morgens höre ich im Dämmerschlaf den Regen fallen. Muss das ausgerechnet heute sein? Es wäre doch – rein aus dramaturgischen Gründen – viel schöner, könnten wir trocken in Golegã einreiten 😉
Vor dem Aufsitzen schlüpfe ich in das Regen-Cape und meine Laune steigt. Jahrelang hatte ich zuhause keine Reithalle, bin also schlechtes Wetter im Sattel gewöhnt. Abwarten, noch liegen ein paar Stunden Ritt vor uns. Ich bin aufgeregt. Wie werden sich die Pferde verhalten? In diesem Trubel, neben fremden Pferden, darunter zahlreiche Hengste? „Zagalo wird das schon machen“, beruhige ich mich selber.

Gleich in der Nachbarschaft liegt das bedeutende Gestüt Veiga, das eine eigene Linie in der Lusitano-Zucht begründet hat: sensible, temperamentvolle Pferde mit dem ramsnasigem Kopf, den ich so liebe. So sitzen wir bald wieder ab, nur um einen kurzen Blick in die Reithalle zu werfen. Hier thront kein separates Stüberl mit Fenstern hin zur Halle. Direkt an der Halle liegt ein herrschaftliches Wohnzimmer, das zum Sitzen und Zuschauen einlädt. (Ganz Hausfrau bemitleide ich denjenigen, der das Interieur abstauben und sauber halten muss. Alles ist pikobello.) Liebevolle Details und Gegenstände mit dem zuchteigenen Brandzeichen erinnern daran, wo man sich gerade befindet.

In einer Reithalle herrscht für mich idealerweise eine Atmosphäre wie in einer Kathedrale: andächtige Stille; Reiter versunken in ihre Pferde, friedlich, würdevoll, erhaben, konzentriert. Stimmen dürfen nur gedämpft zu hören sein, um den Lebewesen, die hier miteinander tanzen – oder das Tanzen lernen – Achtung entgegenzubringen. Ich drücke mich vorsichtig wieder aus der Tür hindurch ins Freie.

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Als wir die Koppel mit den Jungpferden umrunden, bietet sich uns eine Szene zum Niederknien. Sie spitzen interessiert ihre Ohren und setzen sich am Ende der weitläufigen Weide in sachte Bewegung. Im Galopp spült eine Welle aus dunklen und hellen Leibern auf uns zu, dreht ab. Wieder steuert die Formation herausfordernd in unsere Richtung. Wunderschöne Tiere, reine Poesie! Unsere Herzen laufen über und wir freuen uns wie kleine Kinder über diese wundervolle Herde. Der Regen hält inne. Was für ein Glück. Ich verstaue mein Regen-Cape mit Lederriemen fest hinterm Sattel. Das Glück ist mit den Mutigen oder: wenn Engel reiten!…

Zagalo schnaubt zufrieden. Wir passieren Eukalyptuswälder und kommen schließlich in eine zauberhafte Heidelandschaft. Erika und Ginster blühen und setzen heitere Akzente zwischen spröden, graugrünen Sträuchern. Alle scheinen im Golegã-Fieber zu sein und wir können es kaum erwarten an unser Ziel zu kommen. Wir galoppieren frisch voran. Die Pferdehufe lassen die Pfützen spritzen und ich lasse Zagalo gehen. Der nimmt das Okay mit Freude an. Hui, jetzt wird es flott. Ich traue meinem trittsicheren Burschen, denke aber kurz mit Sorge an unseren Norweger Sturla, der ausnahmsweise mit großem Abstand hinter mir reitet. Er reitet noch nicht sehr lang, hat erst mit 67 Jahren in den Sattel gefunden. Aber der Mann hat bei Meister Eduardo Almeida gelernt, sitzt wohl besser im Sattel als ich und schließt souverän auf. Der Galopp war herrlich und wir wiederholen ihn wenige Kilometer später noch einmal. Himmel auf Erden!


An der Peripherie von Golegã angelangt, überholen uns Distanzreiter. Und endlich schreiten unsere Pferde in die Stadt. Wir nähern uns dem Zentrum. Die Straßen füllen sich und die Pferde tragen uns gelassen an Kneipen, Geschäften und glänzend-braunen Schweinen vorbei, die sich seit dem Morgen am Spieß drehen. Ein Paradies für Vegetarier muss Portugal erst noch werden. Wir erreichen die Arena und testen hier die ersten Meter im ungewohnten Terrain.

Die wahren Schätze hängen hier nicht an den Ständen voller Ausrüstung für Pferd und Reiter. Sie sind in den Hinterhöfen zu finden, in Boxen und Ständern. Der Stolz der ganzen Region, der Lusitano frisst hier gelassen sein Heu und wartet auf seinen Einsatz. Auch das Team um Kristin Dolke und Pedro Neves steht auf der Straße und winkt uns hinein in den Innenhof, der nun für mehrere Tage die Heimat unserer Pferde sein wird.

Wir wechseln mit Heißhunger in das Restaurante Lusitanus mit Blick auf die Arena. Schon jetzt bei Tageslicht hängt ein Schleier aus Rauch über dem Zentrum. Die Kastanienfeuer scheinen neun Tage lang hindurch zu brennen.

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Kastanien mit salziger Note – lecker!

Silke und ich  sind wieder in Zimmern untergebracht, die einfach klasse sind, oberhalb der Boxen, in denen die Veiga-Pferde stehen und sogar ein Blick in die Reithalle ist vom Balkon aus zu erhaschen. Ein dickes Lob an Kristin, die unsere Unterkünfte mit so viel Liebe auswählt.

Wir haben Zeit, Golegã zu genießen, eine Tüte Kastanien zu erstehen und ein Bierchen zu trinken. Dann beginnen die Vorbereitungen. Unsere Pferde werden wortwörtlich meisterlich eingeflochten – Pedro Neves und Eduardo Almeida kümmern sich um die Pferde der Touris. Ich bin echt beeindruckt von dieser Normalität und Bodenständigkeit. Diese familiäre Atmosphäre, die die Menschen der Quinta dos Pinheiros leben, bewegt mich dazu, wiederzukommen. Und diese toll ausgebildeten Pferde natürlich.

Kaum sitzen wir abends im Sattel, fangen meine Hände, von außen deutlich sichtbar, an zu zittern. Kein Unterzucker, bloß übertriebene Aufregung, die in meinem Körper irgendein Notfallprogramm auslöst. Puh! Weiowei. Wir umrunden die Arena. Kristin ruft mir mit breitem Grinsen zu: „Freu dich, Madeleine, entspanne, wir sind in Golegã! Sie hat recht, die Pferde sind ALLE unglaublich. Cool, aufmerksam, kontrollierbar. Auch die Reiter um uns herum: Alle souverän; ihre anmutigen und wendigen Pferde locker. Wir traben. Wir galoppieren. Hintereinander, zu zweit nebeneinander und dann sogar zu sechst nebeneinander (hier fehlen mir leider noch die Fotos). Golegã, du hast mich gepackt. Die Menschen leben hier für das Pferd, vom Pferd, mit dem Pferd. Das zu spüren, berührt mich. Reiten scheint hier selbstverständlich und wird mit Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit gleichermaßen betrieben. Ich bin verliebt in diese Liebe zum Lusitano.

Es ist fast eine Stunde später und ich bin komplett erschossen. Die vielen Eindrücke und Menschen erschöpfen mich. Kristin ruft zum Aufbruch  – die Pferde haben Großes geleistet und verdienen wirklich eine Pause. Sie entlässt uns aber nicht in die Stallungen ehe wir im Sattel einen „Ginja“, einen Kirschlikör im Schokoladenbecher, am nahen Stand getrunken haben. Noch so ein typisches Golegã-Erlebnis: wir sitzen im Sattel unserer Lusitanos und prosten uns zu.

„Auf die Pferde!“ – unser Trinkspruch der letzten Tage schallt ein letztes Mal von Reiter zu Reiter!

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Jungs auf’s Pferd – in Portugal selbstverständlich

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Geht auch ganz jung.

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Reiterfreundlicher Abfalleimer

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Morgenstimmung

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Zimmer benannt nach Veiga-Hengsten

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Gut behütet – doppeldeutig

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Einen Zaum habe ich mitgenommen

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Treffpunkt aller Pferdeleute

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Adeus, Golega – ich bin deiner Faszination erlegen

Aufklärung zum PSA-Test: Note 6

Ich suchte erst jetzt, einige Tage nach der Verlautbarung, Artikel über den Schaupieler Ben Stiller und dessen Krankheit. Und was für einen putenblöden Artikel von Spiegel Online habe ich gefunden. Überhaupt sind viele Berichte rund um seine Diagnose Prostatakrebs und die Behandlung einfach nur ärgerlich.

Keine Altherrenkrankheit

Ich bin wütend, wenn ich sehe, wie manche Medien der dringend nötigen Aufklärung über Prostatakrebs durch Prominente den Riegel vorschieben. Prostatakrebs ist keine Erkältung. Er ist keine Altmännerkrankheit. Fast scheint es so, als gehöre er für einige zum reiferen Mann wie Midlifecrisis, Schnarchen und von grauen Haaren umarmten Geheimratsecken.

Einmal im Jahr zum Urologen

Männer gehören einmal im Jahr zum Urologen! Es muss ein fester Termin werden, wie auch Frauen seit ihrer Pubertät zum Fraunarzt marschieren. Diese Gänge sind nicht angenehm, aber Vorsorge kann so viel Leid vermeiden. MÄNNER, geht euch untersuchen lassen: Blut abnehmen für den PSA-Test, Finger in den Hintern. Tadaaaa, fertig! Tut das für euch, eure Träume, eure Familien, eure Freunde…

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Ben Stiller, Foto:afp/Tiziana Fabi

Ben Stiller hat gesagt: „Ich wollte darüber reden, denn ich hatte das Gefühl, dass mir der Test das Leben gerettet hat.“ Spiegel online klotzt ein Adjektiv dazu und schreibt vom „umstrittenen PSA-Test“.

PSA-Wert als Indikator

PSA-Test, umstritten? Der Test ist empfindlich. Mann sollte vorher nichts Prostatastimulierendes getan haben, wie Sex, Radfahren etc. Die Blutabnahme sollte auch besser im Liegen als im Sitzen und natürlich VOR dem Abtasten erfolgen. Sonst gibt es höhere Werte (wie auch durch eine harmlose Entzündung etc.)
Ein erhöhter Wert bedeutet nicht gleich Krebs. Aber der Test gibt dem Arzt zusammen mit dem Abstasten die Chance, schnell und effizient eine erste Diagnose treffen zu können. Man muss für die Vorsorge werben, nicht zusätzlich verunsichern. Ganz besonders, weil der Test noch nicht im Rahmen der Vorsorge von den Krankenkassen gezahlt wird.

Und in der BUNTE, der deutschen Frau liebstes, unsäglich übles Klatschmagazin, lese ich: „Unter Umständen werden durch den Test auch Tumoren diagnostiziert, die sonst ein Leben lang unbemerkt geblieben wären und keine Beschwerden verursacht hätten. Ein auffälliger PSA-Befund kann eine Operation nach sich ziehen, die mit erheblichen Risiken verbunden ist, etwa Impotenz.“

Impotenz ist das kleinste Problem

Impotenz als erhebliches Risiko bei einer Prostatakrebs-OP für Männer Ü45?
Das ist die erste Sorge der BUNTE-Leserin, dass sie nicht mehr mit ihrem Mann poppen kann?

Wenn tatsächlich operiert werden muss, wird der Tumor schon entsprechend aussehen (davor kommt nämlich auch noch eine Stanzbiopsie, um die Tumorart zu bestimmen), außerdem kann heute bei frühzeitig erkanntem und lokal begrenztem Prostatakrebs sehr erfolgreich nervenschonend operiert werden.Bitte, liebe BUNTE Redaktion, schreib nicht einseitig, schüre keine Ängste, sondern kläre auf. Den Versuch hast du ja in den ersten Absätzen unternommen,…nicht so recht geglückt.
Natürlich ist ein Risiko bei einer OP immer gegeben. Aber ich sorge mich bei der Diagnose Krebs doch eher darum, noch viele Jahre meinen Mann lebendig an meiner Seite zu haben, als mit ihm vögeln zu können. Frauen haltet bei dieser Diagnose unter allen Umständen zu euren Männern und macht ihnen Mut, verdammte Kiste! Ein Mann ist ohne Prostata nicht weniger Mann. Und auch Impotenz ist kein Todesurteil.

kurier.at  schreibt ganz richtig und wichtig:

„Jahrelang wurde der Nutzen des PSA-Testes auch unter Experten heftig diskutiert. Univ.-Prof. Shahrokh F. Shariat, Leiter der Universitätsklinik für Urologie der MedUni Wien, hat mehrere Jahre an Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York gearbeitet, wo auch Ben Stiller behandelt wurde. „Das Problem ist nicht der PSA-Test: Es geht um die Schritte, die man nach einem solchen Test setzt“, so Shariat. […]Seit der Einführung des PSA-Screenings sei die Sterblichkeit durch Prostatakrebs um 40 Prozent gesunken: „Der Anteil von metastasierten – also bereits im Körper gestreuten – Prostatakrebserkrankungen an allen Diagnosen ist durch diesen Test von 20 auf rund drei Prozent gesunken.“ Viele große Studien hätten in den vergangenen Jahren eine höhere Überlebensrate in jenen Patientengruppen gezeigt, die einen solchen PSA-Test regelmäßig durchführen ließen. Nur eine große US-Studie habe keinerlei Unterschiede zwischen der getesteten und nicht-getesteten Patientengruppe festgestellt. Dies hat in den USA zu einer negativen Beurteilung des PSA-Tests geführt.

„Wir leben in einer nicht perfekten Welt“, sagt Stiller in seinem Text. Die Diskussion rund um den PSA-Test sei eine komplizierte Sache. „Aber ich glaube, der beste Weg, gegen eine potenziell tödliche Krankheit vorzugehen, ist, diese früh zu entdecken.““

Ergänzung (11.10.16): Laut neuesten Erkenntnissen verändert Radrennfahren den PSA – Wert nicht. Und auch sonst lesenwert bei Fragen rund um die Prostata. Großartiger Arzt, der Zitatgeber! 🙂 http://bit.ly/2dSWbgR

 

Gentleman’s Ride

Übermorgen ist es soweit. Mein Liebster geht mit seinem Motorrad auf die Straße, um auf Prostatakrebs aufmerksam zu machen: Gentleman’s Ride – Die größte Motorradrundfahrt der Welt gegen Depressionen bei Männern und Prostatakrebs. Seuchen unserer Zeit.

Leider haben wir das gesteckte Spendenziel nicht erreicht. Aber die Summe von 261 Euros ist besser als nichts. Aber es ärgert mich doch, dass wir es nicht bis zu den 400 schafften. Aber gut, vom Joggen weiß ich, verloren hat nur, wer nicht gestartet ist. 😛

Der Mensch ist aber so gestrickt, dass er immer eine Erwartungshaltung gegenüber anderen hat. Das bohrt und wurmt und ärgert.
Es hat mich aber im Laufe der letzten Monate auch immer wieder erstaunt, wie viel Unterstützung ich von Menschen erhalten habe, von denen ich es überhaupt nicht verlangt hätte. Das war schön. Alte Bekannte aus Studientagen spendeten, Facebook-Kontakte schickten Bücher zur Erheiterung und mit guten Wünschen .

Ich habe erkannt, dass es nicht darum geht einen hohen Betrag zu spenden, wenn man nur spendet. Viele können aus wenig viel machen…
Also, wer noch mag, man kann auch nur einen 5er spenden. Und das ist gar nicht peinlich. Das ist ein kleines Zeichen, dass man unterstützt und da ist. Das tut so gut, weil es Thorsten wichtig ist!
Das Geld kommt Prostatapatienten zu und eine Spendenquittung bekommt man auch…

Übrigens: Thorstens aktueller PSA Wert liegt bei 0,04 – weiterhin unterhalb der Nachweisgrenze. Ich könnte glücklicher nicht sein.

Link auf Thorstens Spendenseite:
https://www.gentlemansride.com/rider/pilpfiction

 

Nachtrag: Thorsten hatte bis zum Eventstart, zwei Tage später, sein Ziel sogar übertroffen. Ein Dank noch einmal von Herzen an alle Spender ❤

Der Schläfer

Glück ist Pause von KatastropheSonnenstrahlen fluten diesen Tag – in jeglicher Hinsicht. Die erste Nachsorgeuntersuchung stand im Terminkalender und ich hatte deswegen Urlaub genommen. Morgens rang ich mir noch einige Zeilen für einen Kunden ab, weil ich mich die Tage zuvor schon so schwer tat. Ob das Thema die Ursache dafür war oder meine Anspannung? Ich weiß es nicht.

Während ich so vor mich hintippte, rief Thorsten schon seinen Urologen an, um den PSA-Wert zu erfragen, den wir heute in die Klinik mitbringen sollten. Ihm wurde schon eine Woche zuvor Blut abgenommen, aber wir wollten bis heute warten, um uns bei einem schlechten Wert nicht so lange gedulden zu müssen, bis wir endlich einen Arzt dazu sprechen.

Dieser Wert diktiert unsere nahe Zukunft. Liegt er über 0,2, macht sich der Krebs breit. Er ist dann sichtbar und muss durch eine Bildgebung lokalisiert werden. Liegt der Wert darunter, können wir erst einmal aufatmen. Selbst wenn da was wäre, es wäre zu klein und unauffällig, als dass es die Ärzte aufspüren könnten.

Während Thorsten telefonierte, stopften mir seine Worte Watte in den Kopf. Ich wagte kaum zu atmen. Mir wurde schwindelig und warm. Ich unterbrach meinen Text und hielt tatsächlich meine Daumen. Er wiederholte laut, damit ich hören konnte, was die Sprechstundenhilfe sagte: 0,04 – unterhalb der Nachweisgrenze.
Mein Kopf klarte auf und dann? Ich heulte… Die Anspannung gehörte schließlich fortgespült.

Das Gespräch in der Klinik war dann kein großes Ding mehr. Ich wartete darauf, dass mich die Euphorie an der Taille packt und durch die Luft schwenkt, aber sie war zu schwach. Die Sorge hat sich in den vergangenen Monaten bleischwer in meinen Gliedern eingemietet.

In Thorsten schlummert nun einen Schläfer. Und wie er schon in seinem Blog schreibt, wir wollen ihn nicht wecken. Schon in knapp zwei Monaten ist der nächste PSA-Wert fällig, drei Monate später wieder und wieder.

Ich bin jetzt einfach dankbar, dass gerade alles so ist wie es ist.

Darm & Co.

Meine Gedanken spielen mit meinen Nerven Tauziehen. Mittwoch ist Darmspiegeltag und Freitag wird Blut für den PSA-Wert abgenommen. Mir fehlt die Luft zum Atmen, wenn ich dran denke.

Thorsten hat einen Gendefekt, der ihn für Darmkrebsa empfänglich macht. Daher muss er jährlich zur Spiegelung. Und was bekam er letztes Jahr diagnostiziert – fernab jeglicher Vorsorgeuntersuchungen? Prostatakrebs. Das Leben stellt dir manchmal ganz fies ein Bein.

Der Prostatatumor war vor der OP so groß, dass er in die Darmwand hineingewachsen war. Nach der OP und vor der Bestrahlung nisteten dort immer noch einige Tumorreste. Ich hoffe also inständig, dass in diesem Krisengebiet alles friedlich ist.

Thorsten geht bewundernswert leicht mit allem um. Er sieht besser aus als noch vor einigen Wochen. Seit der Striktur-OP sind die Schmerzen so gut wie weg. Das verändert ihn komplett. Wenn ich dran denke, dass er monatelang überwiegend nur liegen konnte… Mein starker Mann. Er macht das alles so toll.

Jetzt lautet in den kommenden Wochen auch für mich wieder die Parole: Stark sein! Nicht hysterisch werden. Immer an das Beste glauben, schöne Dinge tun, die die Psyche wärmen. Ablenken.

Ich bin furchtbar unkonzentriert!

Am allerliebsten wäre ich gerade irgendwo am Strand. Für den Sommer haben wir nichts geplant, weil wir nicht wissen, wie es weitergeht. Eigentlich müssten wir die Hunde und unsere sieben Sachen packen und losdüsen. Irgendwo an die See. Für einen Tag am Meer. Oder zwei oder drei.

 

Alltagsflausch

Uns geht es gut. Thorsten hat Antrieb. Er ist nach der letzten OP zwar wieder viel inkontinenter (gibt’s das Wort?), aber das ist pillepalle. Keine Schmerzen und sogar kleinere Unternehmungen können wir wieder machen. Er muss dann zwischendurch pausieren, aber es geht. Hurra!

Ich bin immer wieder angespannt. Noch 20 Tage bis zum ersten Nachsorgetermin. Davor erfahren wir den aktuellen PSA-Wert und damit wohl auch, was wir die kommenden drei Monate so tun müssen: Dürfen wir uns weiter in den Alltagsflausch kuscheln oder geht es hürdenlaufend durch eine weitere Behandlung…

Das Warten ist zum Kotzen!